„Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast mir zu helfen“ (Psalm 71,3)

Liebe Gemeinde,

Wochen und Monate sind nun vergangen, in denen wir zunächst einen gehörigen Schrecken bekommen, dann aber schleunigst versucht haben, uns vorzusehen, so weit das möglich schien. Verunsichert blieben wir aber und informierten uns laufend über die Gefahren, denen wir uns ausgesetzt sahen. Eine Nachricht beruhigte uns ein wenig, die nächste aber konnte uns schon wieder verstören. So hin und hergerissen waren wir permanent. Irgendwann konnten wir keine Talkshows mit Virologen und Politikern mehr hören. Wir blieben aber angespannt, denn „nichts Genaues wusste man nicht“. Wieviel schlauer wir heute sind, darüber herrscht aber noch immer Ungewissheit. Wir konnten die Infektionsrate senken, sind aber immer noch nicht sicher, welche Maßnahmen die ausschlaggebenden waren und welche wir unter Umständen hätten vermeiden können. Hinterher ist man immer klüger, mitten drin muss man mit allem rechnen… Bis heute müssen wir mit dieser Unschärfe leben. Die berechtigte Kritik an den verordneten Einschränkungen bei gleichzeitigem Nachlassen der Dramatik war und ist nicht leicht zu ertragen und nicht jeder hatte die Chance, besonders beengende Wohnsituationen zu entschärfen. Trotzdem muss auch Kritik sorgfältig bedacht werden und es wird ihr nicht in allen Fällen stattgegeben werden können. Manche unter uns hat die weitgehende Trennung von ihnen besonders nahestehenden Menschen großen Kummer bereitet. Zum Glück war es möglich, hier in besonders dringenden Fällen Abhilfe zu schaffen. Allen denjenigen, die in dieser Zeit, sei es durch Infektion, sei es aus anderen Gründen einen Menschen aus ihrer Mitte verabschieden mussten, möchte ich mein Mitgefühl ausdrücken. Diese Zeit war gewiss eine große Prüfung für alle nun Trauernden.

„Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast mir zu helfen“ (Psalm 71,3) 
„Der Herr wird mich erlösen von allem Übel und mich retten in sein himmlisches Reich.“ 2. Timotheusbrief 4,18

Die heutige Losung und der Lehrtext aus dem Alten Testament (Psalmen), bzw. dem Neuen Testament (1.Timotheusbrief) für den heutigen Tag (17. Juni) scheint mir ein Wort, das wegweisend für unsere Zukunft sein kann, bzw. uns versichern will, dass wir in den Dingen, die auf uns zukommen und von denen wir noch keine genaue Vorstellung haben, dennoch Trost und Halt finden und Zuversicht gewinnen können. Auch wenn es zunächst nur darum gehen mag, „Zuflucht“ zu nehmen in den Unwägbarkeiten und vielleicht auch Zumutungen, die uns noch bevorstehen könnten. Eine Adresse zu haben, die uns Hilfe bietet, auch wenn wir diese Hilfe noch nicht alle unsere Fragen beantwortet. Immerhin: Einfallsreiche Angebote, mit der Situation umzugehen, die überall in unseren Gemeinden entstanden sind, kaum dass die Krise begonnen hatte, zeigen, dass da unvermutete und wirksame Widerstandskräfte aktiviert wurden. Die Vielen, die sich dazu Gedanken gemacht, etwas ausprobiert und ihre Einfälle weitergegeben haben, konnten doch dem einen oder der anderen zur „Hilfe“ werden, die gut getan und etwas Positives bewirkt hat. Und würde dahinter durchaus die Hilfe erkennen wollen, von der im Psalmwort die Rede ist. Gottes Hilfe nämlich, die uns in einer äußerst schwierigen Situation ein Stück weitergebracht hat.

Gott hat aber noch mehr mit uns vor. Es geht nicht nur um die Überbrückung einer momentanen Notlage, sondern um die Erlösung von allem „Übel“, das Menschen plagt und nicht zur Ruhe kommen lässt. Davon spricht der Apostel Paulus im Brief an seinen Freund und Mitarbeiter Timotheus. Gottes Hilfe hat einen noch wesentlich weiteren Horizont, als den unserer Krise, wiewohl die uns gewiss genug in Atem gehalten hat und noch hält. Einen ewigen Horizont nämlich, der kein Ende hat und nicht vor der Not am Ende kapituliert, sondern unser Leben rettet. Das ist die feste Zusage über alle zeitlichen Nöte hinaus, die freilich noch manchmal die Oberhand behalten können, so dass es uns nicht immer leicht fallen wird, an der Hoffnung festzuhalten. Aber wünschen dürfen wir uns gegenseitig, dass das gelingt und wir an Stärke gewinnen. Und auch dazu, dass wir alle unsere menschlichen Kräfte zusammennehmen und dem tödlichen Virus weiterhin Einhalt gebieten wo wir können: Mit Masken, Abstandsregeln, der Corona-App, mit wissenschaftlicher Forschung und auch durch die Entscheidungen besonnener Politiker. Alle diese Möglichkeiten hat Gott, der Schöpfer, in uns angelegt und sie stellen wahrlich keine Kleinigkeit dar. Auch die Möglichkeit selbstbewusster Bürger, ihre Freiheitsrechte wahrzunehmen und zu verteidigen würde ich freilich dazu zählen, umgekehrt aber auch die Fähigkeit zur Einsicht, dass diese Rechte um der Sache willen nicht immer vollständig eingeklagt werden können, sondern Kompromisse erforderlich bleiben werden.

Ich wünsche uns also (weiterhin) so viel Achtsamkeit im Umgang miteinander, wie sie in den vergangenen Wochen und Monaten über weite Strecken zu beobachten war, darüber hinaus aber ein Gottvertrauen, wie es uns in den biblischen Worten aus den Psalmen und dem Brief an Timotheus („Der Gott ehrt und ihm vertraut“) ans Herz gelegt wird.

Pfarrer Adam Weiner