Gottesdienst zum Nachlesen

Predigtreihe 2020 – „Stationen des Glaubens auf dem Lebensweg“

4. Gottesdienst (18. Oktober 2020)

„Erwachsensein: Ehe und andere Lebensformen“

 

Orgelvorspiel

Eröffnung und Begrüßung

L:         Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

L/G:    Amen.

L:         Der Herr sei mit euch!

G:        Und mit deinem Geist.

L:         Liebe Gemeinde,

            ich begrüße Sie und euch ganz herzlich zu unserem heutigen Gottesdienst!

Er gehört zu unserer diesjährigen Predigtreihe „Stationen des Glaubens auf dem Lebensweg“ und ist dem Thema „Erwachsensein: Ehe und andere Lebensformen“ gewidmet.

Erlauben Sie mir heute eine persönliche Bemerkung vorab, die gut zu diesem Thema passt: So wie Eheleute Sehnsucht nacheinander haben, wenn sie einander länger nicht sehen konnten, so hatte ich Sehnsucht, wieder hier, in meiner Heimatgemeinde, bei Ihnen und euch zu sein. Die Umstände der Corona-Krise haben mir das in letzter Zeit kaum möglich gemacht. Und so freue ich mich heute umso mehr, mit Ihnen Gottesdienst feiern und diesen Gottesdienst halten zu dürfen – unter Gottes Segen.

Das erste Lied, das wir nun gemeinsam singen wollen, handelt genau davon: dass Gott uns hierher gebracht, zusammengebracht hat, mit seiner „Treue“: Seiner Treue, die Gott gegenüber uns Menschen hat – und die wir in unserem Glauben, in unserem Eheleben und eben auch in unserem Gemeindeleben einander weiterschenken sollen.

Ich lade Sie herzlich ein, mitzusingen, wenn Sie möchten. Bitte aber tragen Sie in diesem Gottesdienst immer Ihre Maske, wenn Sie singen oder sprechen. Wir vergessen im Feiern die Vorsicht und Fürsorge füreinander nicht. Lasst uns also singen: „Bis hierher hat mich Gott gebracht“.

Eingangslied: EG 329, 1-2 („Bis hierher hat mich Gott gebracht“)

Confiteor

L:         Wir sind an diesem Sonntag zusammengekommen, das Wort Gottes zu hören, ihn in Gebet und Lob anzurufen.

            Vor Gott erkennen wir, dass wir gesündigt haben; in Worten, Gedanken und in dem, was wir getan oder unterlassen haben.

            Aus eigener Kraft können wir nicht frei werden. Darum sehen wir auf Christus und beten: „Gott, sei uns Sündern gnädig!“

L/G:    Der allmächtige Gott erbarme sich unser. Er vergebe uns unsere Sünde und führe uns zum ewigen Leben. Amen.

L:         Der allmächtige Gott hat sich unser erbarmt. Jesus Christus ist für uns am Kreuz gestorben. Durch ihn vergibt uns Gott und macht uns zu seinen Kindern. Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden. Das gebe Gott uns allen. Amen.

            Wir wollen nun gemeinsam den Psalm beten.

Psalmgebet: Psalm 27 (EG 744)

Kyrie

L: Kyrie eleison! – G: Herr erbarme dich!

L: Christe eleison! – G: Christus, erbarme dich!

L: Kyrie eleison! – G: Herr, erbarm dich über uns!

Gloria

L: Ehre sei Gott in der Höhe! – G: Und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen.

Glorialied: EG 180.2 („Gott in der Höh sei Preis und Ehr“)

Kollektengebet

L:         Dreieiniger Gott,

            du bist die Liebe,

            in der all unsere Liebe gründet.

            Du bist der Sinn und die Quelle unseres Lebens,

            des ehelichen wie des nicht-ehelichen Lebens.

            Dein Reich wird kommen,

            und auf dich dürfen und sollen wir zu-leben.

            Schenke uns ein Leben in der Gnade des festen Glaubens an dich.

            Amen.

Lesung: Mt 25,1-13

Von den klugen und törichten Jungfrauen

1 Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. 2 Aber fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug. 3 Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. 4 Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. 5 Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. 6 Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen! 7 Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig. 8 Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. 9 Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zu den Händlern und kauft für euch selbst. 10 Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. 11 Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! 12 Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. 13 Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.

Glaubensbekenntnis

Gemeindelied: EG 147, 1-3 („Wachet auf, ruft uns die Stimme“)

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Erwachsensein: Ehe und andere Lebensformen“ – so lautet das Thema unseres heutigen Predigtreihen-Gottesdienstes. Bei dem Stichwort „Ehe“ mögen uns wohl zahlreiche Fragen in den Sinn kommen, darunter auch sehr aktuelle: Ist die Ehe ein Sakrament, wie unsere katholischen Schwestern und Brüder glauben? Wie verhält sich eine kirchliche Eheschließung zur weltlichen, zur Zivilehe? Wie soll die Kirche mit Ehescheidung und einer möglichen Wiederheirat umgehen? Soll es eine kirchliche Trauung für gleichgeschlechtliche Paare geben?

Liebe Gemeinde, es ist natürlich nicht möglich, diese Fragen in einer einzigen Predigt abzuhandeln. Und doch wollte ich meine Predigt mit diesen Fragen beginnen: Denn ihre Vielfalt und die Tatsache, dass wir sie kaum überschauen können, legen eine Empfehlung nahe, die ganz evangelisch ist: nämlich, sich auf den biblisch bezeugten Wesenskern der Ehe zu konzentrieren und erst einmal diesen in den Blick zu nehmen – bevor man allerlei Einzelfragen behandelt. Sich auf den Wesenskerns der Ehe zu konzentrieren aber bedeutet: Zu verstehen, was die Ehe mit dem Wesenskern unseres Glaubens zu tun hat; zu zeigen, was die Ehe mit dem Evangelium zu tun hat, und damit letztlich mit dem, was Jesus Christus verkündigt und ankündigt: das Reich Gottes, das nahe herbeigekommen ist.

Deshalb habe ich als Predigttext das Gleichnis „von den klugen und törichten Jungfrauen“ gewählt, welches wir eben gehört haben. Dieses Gleichnis scheint mir der grundsätzlichste, tiefste biblische Text über die Ehe zu sein. Denn er stellt in aller Klarheit heraus, worin der Zusammenhang zwischen der Ehe und dem Reich Gottes besteht: Erstens: Das Kommen des Reiches Gottes ist wie eine Eheschließung, eine Hochzeitsfeier zwischen dem dreieinigen Gott und der von ihm geschaffenen Menschheit. Zweitens: Eine zwischenmenschliche Ehe ist ein Zeichen dieser großen Eheschließung, dieser größten Hochzeitsfeier, auf die wir als Christen alle sehnsuchtsvoll warten.

Unser Predigttext bringt beides auf geniale Weise zur Darstellung: Da ist einmal die Figur des Bräutigams, auf den alle fokussiert sind. Er gleicht dem kommenden Reich Gottes; Jesus Christus, wie er uns eines Tages gegenübertreten wird. Und da ist die Figur der der Jungfrauen: Die Jungfrauen sollen sich auf das große Fest vorbereiten, indem sie – wie es heißt – ihre Lampen nehmen; sie sollen dem Bräutigam leuchtend entgegengehen. Gleich ihnen sollen wir unsere Lampen nehmen und uns auf das Kommen Jesu Christi vorbereiten. Also: Wir sollen hell strahlen, in der Erwartung, dass das Reich Gottes kommt. Das gilt es besonders im bald beginnenden Advent zu üben.

Doch was heißt es eigentlich, dass das Reich Gottes kommt? Was ist das Reich Gottes? Dazu eben enthält unser Predigttext eine wahre Heilsbotschaft: Dieses Kommen ist wie das größte, das unübertreffliche Hochzeitsfest. Wie wunderbar dieses Gleichnis ist, ist unserer Zeit leider nicht mehr unmittelbar zu ersehen, da Hochzeitsfeste oft zu Events verkommen, deren Größe an der Anzahl der Gäste, dem Buffet oder dem Charakter der sog. „Eventlocation“ bemessen wird. Doch jedem, der einmal bei einem wirklich innigen Hochzeitsfest zugegen sein durfte, ist klar, wie wunderbar dieses Gleichnis ist: Jesu Christi Wiederkunft wird ein Tag der Freude sein, an dem die alte Zeit endet; an dem etwas Neues beginnt, was selbst nicht mehr enden wird, nicht mehr enden kann. Genau darum ist es ja beim Ideal einer kirchlichen Eheschließung zu tun: Es wird gefeiert, dass Gott selbst eine Liebe zwischen Menschen stiftet, die nicht mehr enden wird, nicht mehr enden kann – nämlich, weil nicht diese beiden Menschen ihre Liebe leisten, sondern weil Gott sie ihnen mächtig schenkt. Die Liebe der Eheleute gründet in der Liebe Gottes; und so ist ihnen durch ihre Ehe bereits das Reich Gottes gegenwärtig; es ist im Anbruch, mitten unter ihnen. Wenn das Reich Gottes dann einmal in Fülle da ist, wenn Jesus Christus wiederkommt: Dann wird der Stifter all unserer zwischenmenschlichen Ehe selbst mit uns eine Art Ehe schließen – die dann eine ewige ist. Die gewiss nicht mehr zerbricht; ja, die selbst das Zerbrochene, das es in zwischenmenschlichen Ehen gibt, wieder heil und ganz machen wird. In der Offenbarung des Johannes lesen wir dazu:

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,1-5a)

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. So viel also zu der Art Hochzeitsfest, das uns am sogenannten „Jüngsten Tag“ erwartet.

Nun aber zum anderen Punkt, den ich anfangs angesprochen habe und der ebenfalls in unserem Predigttext verhandelt wird: Was bedeutet es für unsere zwischenmenschlichen Ehen, dass das Kommen des Reiches Gottes wie eine Eheschließung ist, wie eine Eheschließung Gottes mit den Menschen?

Zu dieser Frage hat unser Predigttext ein Geheimnis bereit, das wir nun gemeinsam entdecken wollen: Denn in diesem Gleichnis sind diejenigen, die uns Eheleuten entsprechen, „Jungfrauen“. In der Geschichte der Schriftauslegung und in theologischen Debatten ist viel darüber gestritten worden, was Matthäus hier mit den „Jungfrauen“ meint. Was ist ihre Bedeutung? Klar ist, die Jungfrauen sind in diesem Gleichnis nicht die Bräute des Bräutigams. Aber warum ist dann betont, dass sie Jungfrauen sind? Sie könnten ja auch irgendwelche Hochzeitsgäste sein, z.B. Familienangehörige oder Freunde – oder gar selbst schon verheiratete Frauen und Männer? Das würde doch wunderbar in das Gleichnis passen, wie wir es bislang ausgelegt haben: Eheleute warten auf das Kommen des Reiches Gottes, das selbst wie eine große Hochzeit ist.

Doch genau das ist die Absicht des Evangelisten Matthäus: Er lässt keine Ehepaare auftreten, sondern Jungfrauen. Er tut dies, damit wir hier nicht unsere Perspektive verengen. Denn: Es sind ja nicht nur Ehepaare, die sich auf das Kommen des Reiches Gottes vorbereiten. Vielmehr tun das alle, die sich zu Christus bekennen – ganz gleich, ob verheiratet oder unverheiratet. Und damit sind wir wieder beim Titel unseres heutigen Predigtreihen-Gottesdienstes: „Ehe und andere Lebensformen“. Die drängende Frage lautet: Was sind andere Lebensformen im Verhältnis zur Ehe? Sind sie weniger wert? Der Evangelist antwortet hier mit einem großen „NEIN“ – mit Ausrufezeichen! Der Maßstab, ob eine Lebensform gut oder schlecht ist, ist allein dieser: ob und wie konsequent sich eine Lebensform an Jesus Christus und dem kommenden Reich Gottes ausrichtet; wie sehr eine Lebensform also vom Evangelium her lebt, anstatt dass sie aus sich selbst zu leben versucht.

Dies in voller Konsequenz tun können Menschen gewiss auch unverheiratet. Und das macht der Evangelist Matthäus deutlich, in dem er den Inbegriff des unverheirateten Menschen, nämlich die Jungfrau, an dieser Stelle auftreten lässt: Die Jungfrau war in der Geistesgeschichte immer schon das Ideal eines geistreichen Menschen, eines fokussierten, hingebungsvollen Menschen. Die Athene der Griechen ist Göttin der Weisheit und darin Jungfrau, die es mit den Spinnereien ihrer männlichen Umgebung nicht allzu sehr hat. Im Christentum entspricht ihr die Jungfrau Maria, die sich gerade aufgrund ihrer einzigarten Hingabe an Gott als würdig erweist, durch den Heiligen Geist den Heiland zu empfangen und zu gebären.

Jungfrauen, nicht-Verheiratete, die ihre Lebensform mit voller Konsequenz auf das Reich Gottes ausrichten, gibt es auch in unserer Zeit: Das eindrucksvollste Beispiel dafür sind wohl zölibatär lebende Priester und Ordensleute. Doch nicht nur sie: Es gibt auch unverheiratete weltlich lebende Christenmenschen, die ihr Leben ganz am Evangelium ausrichten, und mit besonders viel Kraft und Zeit ihr Glaubensleben pflegen, für andere Menschen da sind und der Kirche Gestalt geben. Gerade die evangelische Kirche, in der sogar Pfarrerinnen und Pfarrer verheiratet sein dürfen, sollten nie vergessen, wie würdig solche anderen Lebensformen sind – und wie viel gerade auch unsere Kirche Menschen, die so ihr Leben führen, verdankt. Sie alle sind gemeint, wenn der Evangelist Matthäus von „Jungfrauen“ erzählt.

Aber sind sie nur sie gemeint? Gewiss nicht. Genauso, wie der Evangelist Matthäus uns davor hüten will, nicht die Ehe zur allein seligmachenden Lebensform zu erklären, genauso will er uns vor dem Gegenteil bewahren: vor einer Vergötzung von nicht-ehelichen Lebensformen. Auch dies macht er – in genialer Subtilität – deutlich, indem er von „Jungfrauen“ spricht. Denn „Jungfrauen“ sind ja Menschen, die immer noch die Ehe schließen können.

Damit aber wird deutlich: Wenn weder die Ehe noch ehelose Lebensformen an sich seligmachend sind, sondern allein die glaubende Orientierung hin auf das Reich Gottes – dann stiftet eben dieser Gedanke eine Gemeinschaft unter uns Christenmenschen: Denn darin, dass wir uns gemeinsam – als Kirche – auf das Reich Gottes orientieren, sind wir alle einander gleich, und sind wir alle miteinander verbunden. Eine christliche Ehe darf dann keine Insel sein, in der die Eheleute sich aus der Gemeinschaft der Christenheit heraus ins Private zurückziehen. Mein theologischer Lehrer Gunther Wenz sagte bei unserem Traugespräch: Unsere Ehe ist im Himmel geschlossen. Ich füge hinzu: Weil sie im Himmel geschlossen ist, verbietet es sich, in der Ehe so zu leben, als wäre sie in einem privaten Haushalt geschlossen. Und noch etwas verbietet sich, wie es unser Traupfarrer und Freund Adam Weiner in seiner Ansprache an uns damals eindringlich formulierte: es verbietet sich in einer christlichen Ehe, einen Egoismus zu zweit, also einen Egoismus mit etwas mehr Beinfreiheit, zu leben.

Damit aber ist der Maßstab formuliert: Wir müssen gemeinsam – als Kirche, als Christenheit, als Menschheit – wachsen im Glauben auf das Reich Gottes zu. Solches Wachsen kann uns nur Gott gewähren; aber es liegt an uns, Disziplin zu üben in der Pflege dessen, was uns im Glauben zugewachsen ist. Für die Ehe bedeutet das: Wir müssen uns kritisch fragen und prüfen, wo und wie wir in unserer Ehe unseren Glauben konkret leben? Beten wir genug miteinander, füreinander? Lesen wir gemeinsam die Heilige Schrift? Tauschen wir uns über Glaubensfragen aus?

Christliche Eheleute sollten diese Fragen bejahen können. Wo sie es nicht tun, ist neue Disziplin gefragt. Hier können wir noch einmal auf den Gedanken unseres Predigttextes zurückkommen: Dass unser Leben – in einer Ehe oder nicht in einer Ehe – Vorbereitung auf das Kommen des Reiches Gottes ist, das sich mit dem größten Hochzeitsfest vergleichen lässt. Und gleich wie wir uns auf eine irdische Hochzeit ja nicht allein in trunkener Vorfreude vorbereiten, sondern diszipliniert und sorgfältig planen – so müssen wir uns auch im Hinblick auf das Reich Gottes verhalten. Unser Predigttext hat dafür ein wunderbares Bild bereit: Wir müssen Öl vorhalten, das unsere Lampen am Brennen hält. Das bedeutet zweierlei: Erstens, wir müssen etwas machen, was in unserer Macht liegt: gleich wie grundsätzlich jede und jeder Öl kaufen kann, kann jede und jeder sich Zeit nehmen, um den geschenkten Glauben zu pflegen. Wenn wir Öl haben, brennen die Lampen; wenn wir den Glauben pflegen, leuchten wir. Zweitens bedeutet dieses Wort somit: Wir müssen den uns geschenkten Glauben so pflegen, dass er eine Ausstrahlung hat – auf unsere Ehepartner, auf unsere Mitmenschen, auf die Kirche und die Gesellschaft. Das sollten wir – dringend! Der Predigttext ist hier unmissverständlich: Wir müssen wachsam sein in der Pflege der Beziehung zu Gott, damit er nicht – wie der Bräutigam – ganz folgerichtig wird sagen müssen: „Ich kenne euch nicht!“ Gewiss, Gott kennt jede und jeden von uns. Wir sollten auch nicht denken, dass er darauf wartet, uns von der Himmelspforte zurückzustoßen. Aber: Es ist klar, dass es am Ende der Welt zu spät ist, nachzuholen, was wir in unserem Leben versäumt haben; Beziehungspflege zu Gott, Glaubens-Pflege, darf nicht versäumt werden. Aber: Wir dürfen in unserem Leben darauf vertrauen, dass Gott uns die Kraft gibt, unseren Glauben mit aller Kraft zu pflegen.

Von daher ist nun auch klar, wie wir Menschen begegnen sollten, denen ihre Lebensform nicht gut erscheint; ich denke hier vor allem an diejenigen, denen keine Partnerschaft, keine Ehe geschenkt ist, obwohl sie sich danach sehnen. Wir dürfen ihnen niemals den Eindruck geben, gescheitert zu sein; wir dürfen ihnen nicht mit Forderungen oder Imperativen begegnen – und auch nicht mit Mitleid. Sondern: Wir sollten sie anstrahlen mit unseren Lampen des Glaubens, die auch aus unseren Ehen herausleuchten können. Dann können wir es getrost diesem weitergetragenen Licht Gottes überlassen, was er mit diesen Menschen vorhat.

Also: Das sich-Ausrichten auf das Reich Gottes – das ist der Maßstab für unser Leben. Welche Form dieses Leben annimmt, ist dann zweitrangig. Da dem so ist, darf die Kirche Mut haben gegenüber dem historischen Wandel von Lebensformen; sie darf offen sein dafür. Mut und Offenheit bedeutet nicht: Gleichgültigkeit. Denn der Maßstab, den ich genannt habe, ist groß, der größte überhaupt. Deshalb ist es verständlich, dass sogenannte „konservative“ Kirchenkreise sich daran stören, wenn die Kirche den Eindruck der Beliebigkeit, der Maßstabslosigkeit in Bezug auf Lebensformen erweckt. Aber im Lichte dessen, dass wir alle zunächst „Jungfrauen“ sind – weder Eheleute noch ehelos Lebende – sollten wir auch diejenigen verstehen, die vor traditionalistischer Engstirnigkeit der Kirche warnen.

Liebe Gemeinde, die Fragen, die ich eingangs genannt habe, auch die aktuellen, sind dadurch nicht beantwortet. Aber sie sind, so denke ich, nun für unser mündiges Nachdenken vorbereitet, ins rechte Licht gerückt. Ins Licht: Das Licht – darum geht es ja letztlich auch in unserem Predigttext. Es soll das letzte Wort haben. Lassen wir uns gesagt sein: „Steht auf, die Lampen nehmt!“ Oder – schon adventlich ausgedrückt: „Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt!“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigtlied: EG 251, 1-2 + 5-6 („Herz und Herz vereint zusammen“)

Abkündigungen

Liebe Gemeinde, es gibt ein paar Dinge abzukündigen:

- Vorweg: Leider kann ich Sie heute nicht, wie sonst an dieser Stelle, zum Predigtnachgespräch einladen. Die Corona-Pandemie lässt dies leider nicht zu. Aber: Eine Art von Gespräch kann uns niemand nehmen: Das, was Platon ein „Gespräch der Seele mit sich selbst“ nannte – das eigene Nachdenken. Und so hoffe ich, dass meine Predigt Ihnen etwas zum Nachdenken gegeben hat.

- Herzlich einladen darf ich Sie zum Gottesdienst mit Tischabendmahl am Sonntag, den 1. November, hier in der Friedenskirche. Es ist gut, dass wir wieder gemeinsam Abendmahl feiern können. Wie Sie aus dem Gemeindebrief wissen, können Sie auch von zuhause aus mitfeiern, das Hl. Abendmahl in Form des Hausabendmahls einsetzen und feiern. Diese Möglichkeit hat unser Kirchenvorstand beschlossen. Wenn Sie davon Gebrauch machen wollen, wenden Sie sich bitte an Pfr. Adam Weiner oder an Fr. Schilling im Pfarramt, damit Sie einen Ablauf, eine Handreichung erhalten.

- Am nächsten Sonntag findet kein Gottesdienst in der Friedenskirche statt, aber in unserer Nachbar- und Partnergemeinde St. Thomas: um 9.30 Uhr in der St. Thomas-Kirche, um 11.15 Uhr in der Chapel. Herzliche Einladung auch hierzu!

- Ein Hinweis noch zur heutigen Kollekte: Sie ist bestimmt für unsere eigene Gemeinde. Sie tragen durch Ihre Gabe also dazu bei, dass wir die vielfältigen Herausforderungen gerade auch in dieser Krise gut stemmen können. So bitte ich Sie um Ihre Gabe.

- Nun grüße ich Sie mit dem Wochenspruch für die neue Woche, aus dem Buch des Propheten Jeremia: „Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ (Jer 17,14)

Nun wollen wir gemeinsam beten, Dank und Fürbitte halten.

Dank- und Fürbittgebet

L:         Allmächtiger und barmherziger Gott,

            wir danken dir dafür, dass wir dein kommendes Reich er-warten dürfen,

            und bitten dich: Lass uns dein Kommen stets spüren, sodass unser Leben Halt gewinnt.

            Wir danken dir für das Geschenk der Liebe, das in dir gründet,

            und bitten dich: Bewahre und erneure es, und gib jeder und jedem von uns Anteil daran.

            Wir danken dir für erfüllte Ehen, deren inneres Band du bist,

und bitten dich: Lass die Eheleute nicht selbstgenügsam werden, sondern dein Licht aus-strahlen.

Für alle wankenden und zerbrochenen Ehen bitten wir dich: Weise du diesen zwei Menschen den Weg, und lass sie wieder eine gute Lebensform finden.

Wir danken dir für nicht-eheliche Lebensformen, deren Sinn du stiftest,

und bitten dich: Lass sie anerkannt sein, und bewahre sie vor Selbstüberforderung.

Für dein gesamtes Volk auf Erden bitten wir dich, allmächtiger und barmherziger Gott, schenke ihm die rechte Vorbereitung auf das große Fest deines Kommens.

Gib uns Vernunft, die dein Licht zu pflegen weiß, damit wir unsere Lampen nehmen und dein Licht weitertragen auf Erden, bis wir in dein Licht eingehen dürfen.

Gemeinsam beten wir: Vater unser im Himmel …

Schlusslied: EG 447, 7-10 („Lobet den Herren alle, die ihn ehren“)

Sendung und Segen

L:         Nun geht in diesen Sonntag, in die neue Woche und in alle Tage eures Lebens mit und unter dem Segen des Herrn:

Der Herr segne euch und behüte euch! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig! Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch (+) Frieden!

L/G:    Amen.

Orgelnachspiel